14 Monate ohne Auto, wie geht das?

Mehr als 25 Jahre war ich es gewohnt, ein eigenes Auto zu haben. Vor mehr als einem Jahr habe ich es abgeschafft, da ich alles mit dem Rad mache. Wie klappt das so?

Wie klappt das so?

Für mich funktioniert es super. Als Musiklehrer an Musikschulen fahre ich zu drei verschiedenen Standorten. Die nächste ist ca. vier Kilometer entfernt, die anderen beiden 12 bis 15 km. Hängt auch von der Route ab. Ich fahre an sechs Tagen die Woche zur Arbeit (manchmal zu zwei Standorten am Tag), am siebten besuche ich meinen Vater (ca. 17km). Dadurch fahre ich etwa 250km die Woche, 1000 im Monat.
2019, das erste Jahr komplett mit Rad, bin ich mehr als 11.000 km gefahren, genauer: Mit dem Fatbike. Mit dem neuen e-Bike bin ich im Dezember etwa 500km gefahren, die sind iin den 11.000 nicht drin.

Zum Vergleich. Mit dem Auto wäre ich in der gleichen Zeit etwas 20.000km gefahren. Mit dem Rad kann man praktisch immer kürzere Wege fahren. Eine meiner Musikschulen liegt mit dem Rad etwas über 12km entfernt. Mit dem Auto sind es 19. Wenn ich flott fahre (und ich fahre immer flott), bin ich je nach Wind in 35 bis 40 Minuten da. Leicht bergauf und mit Gepäck.
Mit dem Auto sind es 25 Minuten, wenn es glatt läuft, können aber staubedingt mehr als 45 sein.
Staus kennt der Radfahrer gar nicht. Dafür gibt es die Reifenpanne. In Zahlen: Im Jahre habe ich durchschnittlich etwa zwei Reifenpannen. Staus wären jährlich eher zwanzig bis dreissig, denke ich.
Wenn Sie in meinem Blog meine "Tubeless"-Artikel lesen, wissen Sie bereits, dass mich eine Reifenpanne nur etwa 5 bis 10 Minuten aufhält. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich in sechs Jahren keine sechs Pannen gehabt. Aus dem Kopf würde ich sagen, zwei bis drei. Den Plattfuss bemerke ich auf dem Fatbike oft erst am nächsten Tag. Bei Tubeless gilt ansonsten: Fremdkörper suchen, Rausziehen, Aufpumpen und weiterfahren.

Wie kam es zum Verzicht?

Es hat fast sechs Jahre gedauert, bis ich auf das Auto als Notnagel verzichtet habe. Es stand wochen- und monatelang unbenutzt auf dem Parkplatz. Einmal musste ich sogar die Batterie aufladen lassen, weil sie leer war (Uhr im Armaturenbrett braucht Strom, vergisst man schonmal). Überhaupt bin ich irgendwann nur deshalb gefahren, um die Batterie aufzuladen. Trotzdem fährt man immer mal wieder. Man ist kränklich, spät dran, das Wetter ist zu eklig.

Im Hinterkopf nagt immer die Erkenntnis: Das Auto kostet mehrere hundert Euro im Jahr und steht nur rum. 2019 wäre es nur mit teuren Reparaturen über den TÜV gekommen. Das war der Moment, es zu verschrotten. Zu dem Zeitpunkt war ich praktisch schon komplett auf das Rad umgestiegen.

In den ersten Monaten durfte ich aber trotzdem feststellen, dass ich statt 7-800km nun etwa tausend pro Monat fahre. Und das war tatsächlich anstrengend. Nach einem halben Jahr nicht mehr. Trotzdem verzichte ich seither auf private Spaßradtouren, die ich früher mehrmals im Quartal gemacht hatte.

Für kränklich sein, miserables Wetter habe ich mir jetzt das e-Bike angeschafft. Wenn man immer Normalrad fährt, ist e-Biken wie spazierengehen. Geht immer.

Zeitersparnis

Das kommt auf die Entfernung an. Je weiter, desto schneller ist das Auto. Die vier Kilometer zur nächsten Musikschule habe ich schon in acht Minuten geschafft, von Tür zu Tür. Mit dem Auto waren es immer etwa 12 von von der Tür bis zur Parkplatzsuche im 200m Umkreis. Parkplatzsuche war manchmal sehr problematisch.

Überhaupt kann man mit dem Rad fast immer direkt bis vor die Tür fahren.

Bei meinen weiter entfernten Musikschulen liegt die Zeitersparnis mit dem Auto bei etwa 5 bis 10 Minuten.
Ich denke mir das so: Statt zwei drei Extratermine unter der Woche im Sportstudio zu absolvieren investiere ich 5 bis 10 Minuten Zeit bei jeder Fahrt zur Arbeit.
Ich ersetze also Autofahren durch Sport. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden statt im Auto zu sitzen immer Sport treiben. Meinen Puls treibe ich täglich auf über 150.
Witzig dabei ist aber, dass ich das gar nicht als Sport sehe. Ich fahre halt zur Arbeit. Würde mich jemand fragen, ob ich Sport treibe würde ich erstmal "Nein" sagen und erst dann "Ach Moment, ich fahre immer mit dem Rad".

Wer täglich zur Bushaltestelle geht, sagt ja auch nicht: "Ich gehe täglich wandern".

Transport

Das größte, was ich mit dem Fahrrad transportieren muss sind:

  • Gitarre. Geht auf dem Rücken
  • Packung Toilettenpapier. Kriege ich mit Packtasche oder auf Gepäckträger hin.
  • Wasserkasten. Ich trinke seit jeher Leitungswasser.
  • Kasten Bier. Ich kaufe dann tatsächlich eher Dosenbier.
  • Gitarrenverstärker. Geht nur mit Auto. Verstärker lasse ich im Probenraum stehen.

Das war's. Das Größte, was ich in den letzten Jahren angeschafft hatte, war ein Kühlschrank. Wurde frei Haus geliefert.

Und wenn ich ein Auto bräuchte?

Hier in Mainz gibt es book-n-drive. Car-Sharing. In den 14 Monaten ohne Auto habe ich das genau einmal genutzt, um in ein 23km (Auto) entferntes Sportgeschäft zu fahren. Eine Stunde Autofahren statt geschätzten drei Stunden Rad. Kosten: 7 EUR.

Gesundheit

Angefangen hatte ich 2013 mit dem Radfahren wegen meines Übergewichts. 116kg, meine Normalgewicht geht bis knapp 87kg.
Die Folgen: Zu hoher Blutdruck, behandlungsbedürftig und infolgedessen Migräneanfälle etwa monatlich. Die Herzfrequenz war generell erhöht.
Inzwischen schwanke ich zwischen 92 und 100 kg und bin natürlich fit wie ein Turnschuh. Blutdruck ist annähernd normal und die Herzfrequenz ist ideal.

Ich bin täglich meist mehr als eine Stunde an der frischen Luft, auch im Winter und tatsächlich kaum erkältet. Früher war das anders. Manchmal folgte eine Erkältung auf die andere.
Man sagt: Sie kommt drei Tage, bleibt drei Tage, geht drei Tage. Bei mir ist es eher kommt einen Tag, bleibt einen Tag, geht einen Tag, sofern überhaupt was kommt.
In der Gesundheit sehe ich den größten Vorteil des Radfahrens. Daher würde ich für mich sagen: Autofahren macht krank.
 

Reaktionen

Im Freundes und Bekanntenkreis nimmt man meinen Wchsel vom Auto zum Rad erstaunt und positiv zur Kenntnis. 
Nur meine nächste Verwandschaft war irritiert und kann es nicht verstehen. Für meinen Vater gehört ein eigenes Auto einfach dazu. 
Meine Schwester, selbst extrem übergewichtig, findet ertaunliche Gründe, warum das Quatsch ist. z.B. weil man bei der Versicherung wieder bei 0% eingestuft wird, wenn man ein neues Auto kauft.
Mein Kopf gewöhnt sich gerade daran, dass ich vielleicht nie wieder ein eigenes Auto haben werde.

Und sonst so?

Ich bin Single. Ohne Kinder ist der Verzicht auf das Auto viel leichter. In meinem Bekanntenkreis gibt es noch ein paar Vielradler. Die verzichten immerhin auf das Zweitauto.