Fußgänger anklingeln ... oder nicht?

Was tun, wenn man sich Fußgängern nähert ... Klingeln oder nicht?

Keine einfache Frage. Manche (Fußgänger) hassen es, die meisten wollen es, wieder andere zucken zusammen.

Trotzdem gibt es Strategien:

Sind sie Sie ein Wochenend-bei-Sonnenschein-Radler?
Sprich: Sie fahren selten mit dem Rad und dann eher gemütlich.
Ich rate Ihnen zu Klingeln, frühzeitig. Wer langsam fährt, ist je nach Untergrund auch leise unterwegs. Bleibt die gewünschte Reaktion aus, kann man nachklingeln.
Wenn Sie eher selten fahren, können Sie Fußgänger vermutlich schlechter "lesen" wie jemand, der ständig mit Fußgängern zusammentrifft.

Ich fahre täglich anderthalb Kilometer über einen vielbenutzten breiten Waldweg (Fußgänger, Hunde, Jogger, Kinderwagen, Händchenhalter, KiGa-Gruppen). Ich fahre viel und ich fahre schnell.

Erste Stufe: Mein Fatbike (mit Profilreifen, kaum Stollen) kommt daher wie drei normale Räder. Das reicht in ruhiger Umgebung schon. Man dreht sich um: Was kommt denn da?
Selbst ältere Mensch drehen sich bereits 50m vor mir um.

Nächste Stufe: Freilauf kurz rattern lassen. Ersetzt bei mir praktisch komplett das Klingeln.

Erst in der dritten Stufe überlege ich zu Klingeln. Genügend Platz? Dann nicht. Zu wenig Platz? Klingeln. Klingeln hat den Nachteil, dass man nicht weiß, wie reagiert wird. Die Chancen stehen 1:3, dass es mit Klingeln schiefgeht. Was kann passieren?

  • Keine Reaktion - ich hätte mir das Klingeln sparen können 
  • Richtige Reaktion - Glück gehabt.
  • Falsche Reaktion - Jetzt hab' ich ein Problem. Ein Joggerin hatte dabei einmal, ohne sich umzugucken einen falschen Schritt zur Seite gemacht und ist mir in den Lenker gehüpft. Ein Sturz war die Folge. Das Loch im Schienbein war erst nach zwei Monaten wieder zu. Ansonsten haben wir beide blaue Flecken davon getragen.

Ohne Klingeln kommt der Schreck erst (oder auch nicht), wenn ich praktisch schon vorbei bin und nix passiert.

Die Strategie hängt natürlich von den eigenen Erfahrungen ab. Bei mir ist noch nie etwas passiert, wenn ich nicht geklingelt habe und es passiert nur etwas, wenn ich klingel. Daher klingel ich nur sehr selten und nur, wenn ich muss.

Wer im öffentlichen Verkehr auf einem Weg keinen Platz für Radfahrer lässt und sich dann erschreckt, weil tatsächlich einer kommt ... muss besser auf den Verkehr achten. Beschwerden nimmt das Universum immer gerne entgegen. Augen und Ohren auf im Straßenverkehr.

Spezialitäten

Freilaufenden Kleinkindern

Hier hilft nur eines: Tempo runter, Eltern Zeit geben, die Küken einzufangen, Bremsbereit sein. Kleinkinder haben Welpenschutz und können einem Verkehrsgeschehen nicht folgen.

Freilaufende Hunde

Gehören zu meinem Alltag. Im Wald sind diese anzuleinen, aber natürlich sind 90% nicht angeleint. Sind ähnlich zu sehen und zu behandeln wie freilaufende Kleinkinder. Bei freilaufenden Hunden mache ich mir übrigens wenig Sorgen. Die Herrchen/Frauchen wissen, dass nichts schlimmes passiert. Hunde an Leinen sind verdächtig, denn es gibt einen Grund, warum sie angeleint sind.

Fußgänger mit Konzept

Auch Fußgänger können ein Konzept haben, das ist ihr gutes Recht. Ich nähere mich einer Frau, die zwei Hunde ausführt. Der Weg ist etwa sechs Meter breit, die Frau geht natürlich in der Mitte. Der eine Hund schnüffelt an der langen Leine am linken Rand, der andere an der langen Leine am rechten Rand. Sie hört mich nicht kommen, da sie mit einer Freundin babbelt. Freilauf hört sie, interessiert sie aber nicht.
Für Klingeln ist es dann zu spät. Ich muss anhalten. Sie sagt: "Mir ist am liebsten, die Radfahrer Klingeln".
Glaube ich gerne. Wahrscheinlich schon in 100m Entfernung, damit Madame genug Zeit hat, die Leinen einzuholen.
Bei Hunden bin ich mit Klingeln noch zurückhaltender, denn wer weiß, wie die reagieren? Hey, da will einer spielen, nichts wie hin!
An diesem Tag haben wir beide nicht das bekommen, was wir wollten. You can't always get, what you want (Mick J.)
Das ist natürlich rücksichtslos, vielleicht sogar unverschämt. Einen sechs Meter breiten Weg zu blockieren. In diesem Fall eine Hauptverkehrsader zwischen zwei Orten.

Kurios

Ich bin einmal auf eine Joggerin mit Hund zugefahren. Der Hund lief nebenher und ich wollte mich schon bemerkbar machen. Der Hund (Schäferhund) hört mein Rad, guckt kurz und ordnet sich hinter Frauchen ein. Ich fahre vorbei. Sowohl ich, alsauch Frauchen musste überhaupt nichts tun. Das hatte ich vorher und habe ich danach nicht wieder erlebt.
Der Hund hatte eine Weste an, wie Blinden- oder Polizeihunde. Vermutlich war es ein Polizeihund. Sollte ich das nochmal erleben, werde ich nachfragen, wie man einen Hund dazu kriegt. Like it.

Aus Sicht des Fußgängers

Würde man Fußgänger fragen, ist diesen natürlich am liebsten, wenn frühzeitig geklingelt wird. Nicht zu laut, man will sich nicht erschrecken, aber man möchte sich gerne vorbereiten können.
Hallo?
In der Fußgängerzone wird man auch ständig von anderen Fußgängern links und rechts überholt. Ohne Vorwarnung. Überholt werden ist Fußgängern eigentlich bekannt.

Gibt es eine Lösung?

Mir fällt tatsächlich nur eine ein und sie kann nur von den Fußgängern kommen. Fußgänger müssten sich als Verkehrsteilnehmer begreifen und auf Wegen z.B. rechts gehen, so dass links immer Platz zum überholen ist. Es liegt aber in der Natur der Fußgänger, auf einem Weg in der Mitte zu gehen. Das ist evolutionär bedingt. Der Säbelzahntiger kann ja von links oder rechts aus dem Gebüsch kommen. In der Mitte ist es am sichersten. Die Lösung würde also bedeuten, die Natur des Funßgängers zu ändern. Das geht nicht. Es gibt also keine endgültige und zufriedenstellende Lösung. Lebt damit.

Lobend erwähnen möchte ich diejenigen Fußgänger, die den Säbelzahntiger bereits hinter sich gelassen haben und freiwillig rechts gehen. Auch die gibt es.