Scheibenbremsen: 2 oder 4 Kolben? Vier!

Ich habe gerade meine Scheibenbremsen ausgetauscht. Nach zweieinhalb Jahren. Nicht, weil sie kaputt waren, sondern einfach, weil ich bessere wollte ...

Ein Zweiradmechaniker im Bekanntenkreis hatte mir die Shimano Deore (ohne XT) 4-Kolbenbremsen empfohlen. Günstig zu kriegen (vorne und hinten zusammen ab 110 EUR) und ausreichend für den Alltagsgebrauch.
In MTB-Donwhill-Fachkreisen gilt die Deore eher als "crap". Da müssen es dann "Deore XT" sein, die etwa doppelt so teuer sind.

Um diese Details soll es hier aber gar nicht gehen, es geht um zwei oder vier Kolben. Normalerweise werden an Rädern Zwei-Kolben-Scheibenbremsen montiert. Fährt man viel, ich fahre täglich, wechselt man mehrmals im Jahr die Beläge, weil sie abgenutzt sind. Bei mir etwa alle zwei Monate.

Bei Zwei-Kolben-Bremsen gibt es das Phänomen der ungleichmäßigen Abnutzung (s. Bild). Es ist konstruktionsbedingt. Der Bremskolben kann nämlich in der Führung leicht kippen. Die Bremsscheibe dreht sich und "reisst" den Belag beim Bremsen mit und stellt ihn damit leicht schräg. Dadurch nutzt sich der Belag an einer Seite (wo die Bremscheibe einläuft) mehr ab als an der anderen, wo die Scheibe den Belag wieder verlässt.

Wie man auf dem Bild sieht, muss ich den Belag bereits austauschen, obwohl er auf der "hohen" Seite kaum abgenutzt ist.
Zusätzlich ist auch an der linken Seite etwas Material weggebrochen*, aber die Linien zeigen deutlich, wie ungleichmäßig die Abnutzung ist.

Die Lösung: Vier Kolben. Vier Kolben bedeutet nicht, dass es jetzt vier Beläge gibt. Der Bremsbelag ist ein bisschen breiter, etwa ein Drittel und wird nun von zwei Kolben auf die Scheibe gedrückt. Diese Kolben sind nicht gleich groß. Auf der einlaufenden Seite des Belags ist ein kleinerer Kolben, der weniger stark auf den Belag drückt und damit das Kippen ausgleicht. Der Bremsbelag wird gleichmäßig(er) abgenutzt und kann dadurch später ausgetauscht werden.
Wegen des etwas größeren Belages und der größeren Kraftübertragung durch zwei Kolben haben 4-Kolbenbremsen eine höhere Bremskraft. Deshalb gibt es nur einen Ein-Finger-Bremshebel. In der Praxis ist das echt verblüffend. Wo ich vorher mit zwei Fingern kräftig gezogen habe, brauche ich nun nur leicht mit dem Zeigefinger zu ziehen.
Die Bremse lässt sich im Straßenverkehr (Lenker relativ ruhig) super dosieren. MTB-Downhiller (Lenker rüttelt heftigst) haben da wieder andere Ansprüche (und greifen zur Deore XT). 
Auch verschleißt ein größerer Belag langsamer. Mal sehn, wie oft im Jahr ich jetzt den Belag wechseln muss.
(Habe ich schon erwähnt, dass Autofahrer Ihre Bremsbeläge nicht mehrmals im Jahr wechseln müssen. Grübel grübel.)

Höhere Bremskraft war für mich ein zweiter wichtiger Punkt, da ich recht schwer bin (100kg) und praktisch immer Gepäck dabei habe. Steile Abfahrten im Straßenverkehr gehören zum täglich Brot. Da müssen bei mir schonmal 130kg Gesamtgewicht zum Stehen gebracht werden. Und verkehrsbedingt auch schonmal möglichst schnell, wenn ein Crash droht.

Der Unterschied in der Bremskraft ist deutlich spürbar. Das kann wiederum zu einem Problem werden, wenn man sehr leicht ist. Es droht der Überschlag über das Vorderrad. Man muss sich vorher überlegen, ob man die höhere Bremskraft wirklich braucht. Wer also mit Zwei-Kolben-Bremsen ständig das Hinterrad zum Abheben bringt ... braucht keine stärkere Bremse.
Oder so: Ein 60-Kilo Fahrer auf einem 7-Kilo Rennrad braucht keine 4-Kolbenbremse. Da nutzt sich auch bei 2 Kolben der Belag kaum ab.

;-)

Ich hätte die Bremsen schon viel früher wechseln sollen, denke ich heute.

Letzte Überlegung

Gibt es nicht ein Rad, welches immer schnell unterwegs und schwer ist? Es hätte sicher einen hohen Verbrauch an Bremsbelägen.
Dieses Rad ist das e-Bike. Meines von 2013 wiegt stolze 28kg.
Wenn Sie mit Ihrem e-Bike flott unterwegs sind und oft die Beläge wechseln müssen, könnte sich der Wechsel auf eine 4-Kolbenbremse lohnen.


* Während einer kurzen steilen Abfahrt machte es plötzlich "Klack" und die Bremse ließ sich spürbar weiter zuziehen. Infolge machte die Bremse komische flatternd schleifende Geräusche. Es war Nacht, von außen sah ich nicht viel. Die Rückholfeder wurde nicht mehr vom Belag gehalten, hatte sich umgebogen und die Geräusche verursacht.